Das Bildungssystem in Japan unterscheidet sich von dem in Deutschland durch zwei Dinge: Spezialisierung und Schwierigkeitsgrad.
Die Schulpflicht beträgt ähnlich wie bei uns 9 Jahre, doch ist die Gliederung des Schulsystems differenzierter. Die durch Förderung des Staates öffentliche Grundschule dauert 6 Jahre. Vor der Grundschule sind die meisten Kinder in einem Ganztagskindergärten oder Hort aufgewachsen, diese sind eher auf Lernen als auf Spielen ausgerichtet. Während der Grundschulzeit kann man nicht sitzenbleiben. Nach der Grundschule folgen drei Jahre Mittelschule. Hier gibt es bereits private Schulen, die gegen hohes Entgelt die Schüler auf die schwere Oberschule vorbereiten sollen.
Obwohl die Schulpflicht nach der Mittelschule endet, gehen die meisten Japaner den Schritt auf die Oberschule weiter. Diese existiert als allgemeine oder fachspezifische Oberschule. Die Abschlussprüfung dieser Bildungsinstanz ist für viele Schüler ein Alptraum. Um hier zu bestehen, und damit den einzigen halbwegs gesicherten Weg in die Arbeitswelt anzutreten, müssen sie eigentlich 3 Jahre lang den ganzen Tag lernen, weil zur ausreichenden Stoffvermittlung neben der Arbeit im Klassenzimmer zusätzlich Abendkurse notwendig sind.
Die Qualität des Abschlusses an der Oberschule bestimmt den weiteren Werdegang des Teenagers. Mit einem sehr guten Abschluss kann er sich für die renommierten Hochschulen in Tokio bewerben, sollte er es tatsächlich dorthin schaffen, ist ihm nach dem Abschluss eine Karriere so gut wie sicher. Dementsprechend schwierig ist es für Oberschüler auch, an eine dieser Eliteuniversitäten zu kommen. Nichtsdestotrotz träumen viele Eltern davon, ihre Kinder dorthin schicken zu können, damit diese später renommierte Anwälte oder Psychiater werden.
Das Karrieredenken in Japan ist sowieso ein anderes als hier in Deutschland, was ich hier angedeutet habe, zeigt sich ja schon in der Struktur des Bildungssystems: Der klassische Weg des japanischen Schülers beginnt mit 3 Jahren im Kindergarten und endet mit viel Glück und Talent in einem Abschluss an einer angesehenen Hochschule. Dabei sind die Hochschulen im Vergleich zur Oberschule sogar recht einfach zu bewältigen, es ist vor allem schwierig, erst einmal auf einer Universität angenommen zu werden.
Hier zeigt sich der wesentliche Unterschied zum deutschen Schulsystem. In Deutschland werden Kinder bis 10 Jahren im Idealfall behutsam an das Lernen und den Stoff herangeführt. Die Aufteilung in Hochschule, Realschule und Gymnasium mit Ausbildung oder Universität ermöglicht viel Freiheit in der eigenen Karrieregestaltung und lässt nebenher Platz für andere Dinge. Das japanische Bildungssystem hat eine höhere Durchschnittsbildung der Schüler zur Folge, weil eigentlich fast jeder nach Grund- und Mittelschule auch noch die Oberschule besucht. Dafür bleibt den Schülern in den letzten 3 Jahren keine Freizeit, die Belastung ist immens hoch und führt bei vielen Teenagern zu Problemen bis hin zur psychischen Erkrankung.
Es ist schwierig, von deutscher Position aus über dieses System zu urteilen, weil die Fremdartigkeit der japanischen Kultur und vor allem ihre unbedingte Ausrichtung auf beruflichen Erfolg vom “westlichen” Standpunkt her schnell Abwehrreflexe hervorruft. Trotzdem, im Gegensatz zu unserem Bildungssystem hat Japan keine Probleme mit der Pisastudie. Das macht sich auf dem globalen Arbeitsmarkt immer öfter bemerkbar.
Nach der Waldorf- Schule und der Montessori- Schule, geht es heute um ein neues Konzept: Die Sudbury- Schule.
Das Konzept stammt aus den USA und ist knapp 40 Jahre alt. Dort gründeten 1968 eine Handvoll Visionäre die Sudbury Valley School. Die Schule ist streng demokratisch gegliedert: Die Schüler, Alter 4 bis 19 Jahre, entscheiden, wann und in welchem Fach sie unterrichtet werden wollen. Klassen gibt es keine. Der Schüler sucht sich den Stoff selbst aus.
Einmal im Jahr findet eine Schulversammlung statt, auf der jeder Schüler eine Stimme hat. Auf dieser dürfen die Eltern mitbestimmen. Somit liegen neben den Lehrinhalten auch die Entscheidungen darüber, welcher Lehrer eingestellt oder gefeuert werden soll, zum Großteil in den Händen der Lernenden.
Die Sudbury Valley School in Framingham, Massachusetts, USA hat weltweit Nachahmer gefunden.
Diese nennen sich „Sudbury- Schulen“ und orientieren sich am Modell des Originals. Ein derartiges Konzept wäre für Deutschland undenkbar?
Weit gefehlt: Es gibt Initiativen für die Eröffnung von Sudbury Schulen in mittlerweile sechs großen Städten, darunter Berlin, Leipzig und München. Wer sich weiter informieren möchte, kann das auf der deutschen Sudbury Homepage tun.
Zuerst stellt sich natürlich die Frage nach den Vor- und Nachteilen eines solchen Schulsystems in Deutschland. Positiv wäre sicherlich, dass das jahrelange Büffeln von Stoff, den man hinterher im Leben nie wieder benötigt, wegfiele. Auch das gerade an deutschen Schulen extrem auffällige Problem, dass viele Lehrer erstens zu alt und zweitens zu faul sind, weil sie nicht wirklich gefeuert werden können, würde hier nicht auftreten.
Wer sollte eine Benotung von Lehrern besser durchführen können als die Schüler selbst? Zudem würde in der Finanzierung sicherlich weniger Geld für Prestige- Projekte ausgegeben, und mehr auf Wünsche der Schüler eingegangen.
Alle diese Punkte ziehen jedoch auch ein mögliches Negativ- Ergebnis nach sich. So kann ein junger Mensch schwerlich wissen, welche Art von Stoff er im Leben einmal brauchen wird. Eine generelle Entschlackung dessen, was in Deutschland als „Allgemeinbildung“ angesehen wird, wäre vielleicht sinnvoller, als die Entscheidung dem Schüler zu überlassen.
Weiterhin würde das System vor allem junge Lehrer bevorzugen, ältere und strengere Lehrer bekämen über kurz oder lang ihren Rausschmiss präsentiert.
Zur Förderung von Schulen nach Schülerwünschen ist zu sagen, dass ich mir schwerlich eine Gruppe von Teenagern vorstellen kann, die konsequent sinnvolle Entscheidungen über Geldanlagen trifft.
So ist die Schulgründung nach dem Sudbury- Konzept sicherlich ein umstrittenes Thema, interessant ist es auf jeden Fall. Ob man seine Kinder aber auf so eine Schule schicken würde, ist fraglich.