Wachstum, Innovation und Konkurrenzfähigkeit für die Wirtschaft ermöglichen - selbstbewusste, mündige und kritische Bürger für die Demokratie erziehen - Ziele der Bildung und damit auch der Bildungspolitik sind zahlreich. Doch wer bestimmt die Bildungspolitik, wer ist verantwortlich für Pisa und Bildungsarmut?
In der aktuellen politischen Diskussion wurde gerade auf Seiten der CDU der Ruf laut mehr Verantwortung für die Bildung an den Bund zu geben und gleichsam eine engere Zusammenarbeit von Bund und Ländern zu beginnen. Aber vieviel Einfluss hat eigentlich der Bund? Was bestimmen die Länder und warum?
Die Bundesrepublik Deutschland ist im Gegensatz zu zentralistischen Staaten wie Frankreich ein föderalistischer Staat. Die Bundesländer sind autonom und nur zum Bund zusammengefasst. Ihnen obliegt nach Artikel 30 des Grundgesetzes auch die Erfüllung der staatlichen Aufgaben solange es keine weitere Regelung gibt. Im Bereich der Bildung gibt es zusätzlich noch den Begriff der Kulturhoheit, der den Ländern die primäre Zuständigkeit im Bereich von Bildung und Kultur zuschreibt.
Der Bund hat rein rechtlich gesehen überhaupt keinen Einfluss. Er kann lediglich Empfehlungen aussprechen. Eine tatsächliche Mitbestimmung der Bundesregierung könnte also nur über eine Vervassungsänderung erreicht werden. In der Kultusministerkonferenz versuchen die jeweils zuständigen Landesminister die Koordiniereung der Bildungspolitik. Dennoch sind die unterschiede in der Bildung so hoch, dass der UN-Beauftragte Vernor Munoz im Februar 2006 scharfe Kritik in Bezug auf die Chancengleichheit übte. Besondeers die Abhängigkeit der Bildungsqualität von der finanziellen lage des jeweiligen Bundeslandes besorgte Munoz.
In immer mehr Bundesländern gehören die Kopfnoten neuerdings wieder zu den vergebenen Noten auf dem Zeugnis. Auf der einen Seite sollen sie der Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens der Schüler dienen, auf der anderen Seite brandmarken sie den Schüler auf Jahre und mindern später seine Chancen in der Berufswelt.
Die Zweckmäßigkeit der der Kopfnoten ist vielerorts umstritten. Einerseits argumentiert man, dass es gerade in einer Zeit, wo es um Jugendgewalt und mangelnden Sozialverhaltens der Jugend geht, genau richtig sei, den Schüler nach seinem Verhalten zu beurteilen. Auf diese Weise können auch die Eltern ein Feedback aus der Schule erhalten und möglicherweise korrigierend eingreifen, wenn das Kind aus dem Ruder laufen sollte. Da sich aber das Bewertungssystem nicht auf die allseits aus der DDR bekannten Kriterien Ordnung, Mitarbeit, Fließ und Betragen beschränkt, sondern sich in Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit unterteilt, entsteht zunächst ein hoher bürokratischer Aufwand für den Klassenlehrer, der sich aus allen unterrichteten Fächern eine Einschätzung holen muss. Zudem sind sich die Kategorien thematisch sehr nahe, weshalb man sich kein gesamtheitliches Bild machen kann. Im Gegenteil, meistens ist so, wenn ein Schüler schlecht beurteilt wird, trifft dies fast auf alle Kriterien zu.
Da die Noten zudem ein Leben lang Bestand haben, wird der Schüler bei späteren Bewerbungen aufgrund seines Verhaltens in der vierten Klasse beurteilt. Da sich Menschen im Laufe ihres Lebens aber verändern, kann dies keine gute Grundlage sein. Im Allgemeinen müsste man eigentlich sagen, dass es zwar Kopfnoten geben sollte, aber zeitlich begrenzt und auf dem System aus DDR-Zeiten beruhend, da dort eine viel bessere Einschätzung möglich ist. Möglicherweise kann man dann auch gezielt auf Schüler mit schlechten Kopfnoten zugehen und spätere „Konfliktkandidaten“ frühzeitig „therapieren“.
Das durch die PISA-Studien in die Kritik geratene deutsche Bildungssystem soll mit rasanten Reformen wieder auf ein höheres Niveau gebracht. Die Kultusminister der Länder haben deshalb beschlossen, das Abitur bereits nach zwölf Schuljahren zu vergeben.
Hintergrund der neuen zeitlichen Begrenzung ist das hohe Eintrittsalter der Studenten und Auszubildenden im internationalen Vergleich. In anderen Ländern Europas sind Jugendliche wesentlich schneller für die Berufswelt gerüstet und leisten einen aktiven Beitrag zur Wirtschaft des Landes. Die Reform sieht vor, dass nach einer vierjährigen Grundschulzeit der Übertritt in die neue Schulform geschehen soll. Dadurch muss der gesamte Lehrstoff für das Abitur statt wie bisher in neun nun in acht Jahren vermittelt werden. Die Stundenanzahl erhöht sich auf dem Gymnasium durchschnittlich auf 35 Stunden. Nimmt man noch das Lernen und die Hausaufgaben hinzu, muss sich ein Schüler rund 45 bis 50 Stunden wöchentlich mit dem Lehrstoff auseinandersetzen.
Neben der erhöhten Drucksituation schwindet auch die Freizeit der kommenden Bildungselite in Deutschland. Dabei benötigen gerade junge Menschen einen alternativen Ausgleich zur Schule in Form von Sport und gemeinsamen Aktivitäten. Wie bereits Wissenschaftler nachgewiesen haben, tragen Sport oder Arbeitsgemeinschaften jeder Art dazu bei, dass sich das Kind in einer Gemeinschaft integrieren kann, dass es soziale Kontakte und Hilfestellungen im alltäglichen Umgang erhält. Sind diese Freizeitaktivitäten nicht vorhanden, hat der Schüler vielleicht den Lehrstoff vermittelt bekommen, kann in aber im Studium oder in Ausbildung nicht zur Anwendung bringen, weil er isoliert von der Gruppe agiert.
Bei der Reform wurde es weiterhin versäumt die ohnehin schon aufgeblähten Lehrpläne zu sondieren und auf ihre Inhalte zu prüfen. Zwar hatte Bildungsministerin Anette Schavan (CDU) angekündigt, auf keine notwendigen Lehrinhalte zu verzichten, aber eine Anpassung des Lehrstoffes ist notwendig, um den Schüler eine umfassende Bildung zu ermöglichen. Die Fächervielfalt in den unteren Klassen führt außerdem dazu, dass Schüler täglich kiloweise Bücher transportieren müssen. Eine Interessensorientierung oder eine Spezifizierung der Schulen kann den Schüler eine bessere Orientierung bieten, Schwerpunkte setzen ohne die Gesamtheit aus den Augen zu verlieren. Bei der Reform wurde wieder einmal das Pferd von hinten gezäumt und nicht die eigentliche Problematik angegangen.
Thema: Respekt und DialogWie sich anhand der letzten PISA-Studien feststellen ließ, haben die skandinavischen Länder einen erheblichen Vorsprung vor den deutschen Schülern. Im Fach Mathematik beträgt der Vorsprung ungefähr eineinhalb Lehrjahre – eine enorm große Zahl! Für die Unterschiede gibt es ganz unterschiedliche Ansätze wie der Respekt gegenüber den Lehrkörpern, die Förderung der Individualität sowie der Bildungspolitik. Die Aspekte möchte ich in mehreren Artikeln näher beleuchten.
Die Frage für die deutsche Bildungspolitik ist, ob man sich an den skandinavischen Bildungswegen orientieren kann? Lässt sich das Erfolgsprinzip, welches die skandinavischen Länder praktizieren, eins zu eins auf das deutsche Bildungssystem übertragen? Das Bildungssystem in Skandinavien basiert auf dem Prinzip der Einheitsschule und dem ständigen Dialog zwischen Schüler, Eltern und dem Lehrerkolleg. Dafür müsste man das Bildungssystem in Deutschland völlig neu organisieren und einen einheitlichen Status durchsetzen.
In Skandinavien hat sich die Schule ein zentrales Organ der Kindheit und Jugend durchgesetzt, während in Deutschland die Schule lediglich die Vormittagsstunden ausfüllt. Individualität und Respekt sind die obersten Bildungsziele in Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark. Im Gegensatz zu Deutschland fungieren Lehrer als Vorbilder und ihnen wird von den Schülern Respekt entgegen gebracht. Durch die Position des Lehrers, die vor allem durch das Elternhaus gestärkt und gefördert wird, gelingt es den Lehrkörpern besser auf die einzelnen Schüler einzugehen. Der Respekt der Schüler ermöglicht den Lehrern einen viel besseren Zugang zum Einzelnen und in Problemfällen kann er auf die Unterstützung der Eltern zurückgreifen.
Die Vorstellung des ständigen Dialoges aller Bildungsparteien ist in Deutschland eine Utopie. Hier existieren Elternhaus und Schule nebeneinander – Eltern sprechen sich häufig von der Lehraufgabe frei und Lehrer scheitern am Anspruch, der Individualität der Schüler gerecht zu werden, kein Wunder angesichts der Tatsache, dass Lehrer hier sogar um ihre Sicherheit fürchten müssen. Migrantenkinder, deren Eltern die Sprache des Landes nicht beherrschen, gibt es in Skandinavien nicht. Möchte man gern länger dort Verweilen, ist das Erlernen der Landessprache Pflicht – somit werden die Migrantenkinder sofort in die neue Sprache eingebunden. In Deutschland hingegen wird Zuhause nur die eigene Sprache gesprochen, dass Kind kann sich in seinem persönlichen Freiraum, der mindesten ¾ des Tages beträgt, sprachlich nicht weiter entwickeln. Damit entstehen die erste Ausgrenzung und die erste Rückständigkeit.
Statt sich auf diesem Gebiet weiter zu entwickeln, sieht sich Deutschland inzwischen einer neuen Gewaltdebatte bei Jugendlichen gegenüber. Respekt ist ein wichtigster Ansatz und sollte höchste Priorität auf dem Bildungssektor besitzen.
Ein schier endloser Streit entzündet sich im Rahmen der Bildungspolitik in Deutschland an der Diskussion um die richtige Schulform. Wie die Pisa-Studien der vergangenen Jahre bereits belegt haben, gelingt es in Deutschland wesentlich schlechter, alle Bevölkerungsschichten sinnvoll in die vorhandene Bildung einzufügen.Laut Statistiken schafft es nur ein Kind von Zwölf der Arbeiterklasse ein Hochschulstudium abzuschließen. Dem in Deutschland existierenden Bildungssystem wird angelastet, junge Menschen der unteren Klassen frühzeitig zu selektieren und zudem Migrantenkinder vollkommen außen vor zu lassen. Bildungsgerechtigkeit sei angesichts der drei Schulformen Gymnasium, Realschule und Hauptschule nicht gegeben, zu früh werden Kinder in das Umfeld eines dieser Schulformen gegeben, ohne ihre perspektivische Entwicklung abzuwarten. Wissenschaftlich sei es an einzelnen Beispielen durchaus belegt, dass Kinder auch nach der sechsten Klasse ein erheblicher Leistungssprung zuzutrauen ist.
Eben diese Debatte entzündete sich schon in den 70er Jahren, wo mit der Einführung der Gesamtschulen als Brücke zwischen den Schulformen das eigentliche Problem behoben werden sollte. Laut anerkannter Bildungswissenschaftler scheitern die Gesamtschulen aber bereits an ihren Ansprüchen und ihrer Wertigkeit. Das Abitur an Gymnasien wird von Firmen und der Gesellschaft wesentlich höher bewertet als eines, das an einer Gesamtschule erworben wurde. Mit dem Einheitsabitur soll aber auch diese Ungleichheit aus der Welt geschafft werden.
Entscheidend für den Bildungsabschluss der Kinder ist vor allem das Elternhaus. Besteht dort die Möglichkeit, auf Wissensressourcen zurückzugreifen, die dem Kind helfen können und sind die Familien in Lage den Bildungsweg zu fördern, gelingt auch ein höherer Abschluss. Die Risikobereitschaft sowie die begrenzten finanziellen Mittel der unteren Klassen sowie Migrantenfamilien reichen aber in der Regel nicht aus, um den langen Bildungsweg des Kindes zu unterstützen. Am Ende muss einfach die Förderung begabter Kinder stehen, das Erkennen von Potenzialen ermöglicht eine wesentliche Verbesserung beim Thema Bildungsgerechtigkeit.