Thema: Respekt und DialogWie sich anhand der letzten PISA-Studien feststellen ließ, haben die skandinavischen Länder einen erheblichen Vorsprung vor den deutschen Schülern. Im Fach Mathematik beträgt der Vorsprung ungefähr eineinhalb Lehrjahre – eine enorm große Zahl! Für die Unterschiede gibt es ganz unterschiedliche Ansätze wie der Respekt gegenüber den Lehrkörpern, die Förderung der Individualität sowie der Bildungspolitik. Die Aspekte möchte ich in mehreren Artikeln näher beleuchten.
Die Frage für die deutsche Bildungspolitik ist, ob man sich an den skandinavischen Bildungswegen orientieren kann? Lässt sich das Erfolgsprinzip, welches die skandinavischen Länder praktizieren, eins zu eins auf das deutsche Bildungssystem übertragen? Das Bildungssystem in Skandinavien basiert auf dem Prinzip der Einheitsschule und dem ständigen Dialog zwischen Schüler, Eltern und dem Lehrerkolleg. Dafür müsste man das Bildungssystem in Deutschland völlig neu organisieren und einen einheitlichen Status durchsetzen.
In Skandinavien hat sich die Schule ein zentrales Organ der Kindheit und Jugend durchgesetzt, während in Deutschland die Schule lediglich die Vormittagsstunden ausfüllt. Individualität und Respekt sind die obersten Bildungsziele in Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark. Im Gegensatz zu Deutschland fungieren Lehrer als Vorbilder und ihnen wird von den Schülern Respekt entgegen gebracht. Durch die Position des Lehrers, die vor allem durch das Elternhaus gestärkt und gefördert wird, gelingt es den Lehrkörpern besser auf die einzelnen Schüler einzugehen. Der Respekt der Schüler ermöglicht den Lehrern einen viel besseren Zugang zum Einzelnen und in Problemfällen kann er auf die Unterstützung der Eltern zurückgreifen.
Die Vorstellung des ständigen Dialoges aller Bildungsparteien ist in Deutschland eine Utopie. Hier existieren Elternhaus und Schule nebeneinander – Eltern sprechen sich häufig von der Lehraufgabe frei und Lehrer scheitern am Anspruch, der Individualität der Schüler gerecht zu werden, kein Wunder angesichts der Tatsache, dass Lehrer hier sogar um ihre Sicherheit fürchten müssen. Migrantenkinder, deren Eltern die Sprache des Landes nicht beherrschen, gibt es in Skandinavien nicht. Möchte man gern länger dort Verweilen, ist das Erlernen der Landessprache Pflicht – somit werden die Migrantenkinder sofort in die neue Sprache eingebunden. In Deutschland hingegen wird Zuhause nur die eigene Sprache gesprochen, dass Kind kann sich in seinem persönlichen Freiraum, der mindesten ¾ des Tages beträgt, sprachlich nicht weiter entwickeln. Damit entstehen die erste Ausgrenzung und die erste Rückständigkeit.
Statt sich auf diesem Gebiet weiter zu entwickeln, sieht sich Deutschland inzwischen einer neuen Gewaltdebatte bei Jugendlichen gegenüber. Respekt ist ein wichtigster Ansatz und sollte höchste Priorität auf dem Bildungssektor besitzen.
Ein schier endloser Streit entzündet sich im Rahmen der Bildungspolitik in Deutschland an der Diskussion um die richtige Schulform. Wie die Pisa-Studien der vergangenen Jahre bereits belegt haben, gelingt es in Deutschland wesentlich schlechter, alle Bevölkerungsschichten sinnvoll in die vorhandene Bildung einzufügen.Laut Statistiken schafft es nur ein Kind von Zwölf der Arbeiterklasse ein Hochschulstudium abzuschließen. Dem in Deutschland existierenden Bildungssystem wird angelastet, junge Menschen der unteren Klassen frühzeitig zu selektieren und zudem Migrantenkinder vollkommen außen vor zu lassen. Bildungsgerechtigkeit sei angesichts der drei Schulformen Gymnasium, Realschule und Hauptschule nicht gegeben, zu früh werden Kinder in das Umfeld eines dieser Schulformen gegeben, ohne ihre perspektivische Entwicklung abzuwarten. Wissenschaftlich sei es an einzelnen Beispielen durchaus belegt, dass Kinder auch nach der sechsten Klasse ein erheblicher Leistungssprung zuzutrauen ist.
Eben diese Debatte entzündete sich schon in den 70er Jahren, wo mit der Einführung der Gesamtschulen als Brücke zwischen den Schulformen das eigentliche Problem behoben werden sollte. Laut anerkannter Bildungswissenschaftler scheitern die Gesamtschulen aber bereits an ihren Ansprüchen und ihrer Wertigkeit. Das Abitur an Gymnasien wird von Firmen und der Gesellschaft wesentlich höher bewertet als eines, das an einer Gesamtschule erworben wurde. Mit dem Einheitsabitur soll aber auch diese Ungleichheit aus der Welt geschafft werden.
Entscheidend für den Bildungsabschluss der Kinder ist vor allem das Elternhaus. Besteht dort die Möglichkeit, auf Wissensressourcen zurückzugreifen, die dem Kind helfen können und sind die Familien in Lage den Bildungsweg zu fördern, gelingt auch ein höherer Abschluss. Die Risikobereitschaft sowie die begrenzten finanziellen Mittel der unteren Klassen sowie Migrantenfamilien reichen aber in der Regel nicht aus, um den langen Bildungsweg des Kindes zu unterstützen. Am Ende muss einfach die Förderung begabter Kinder stehen, das Erkennen von Potenzialen ermöglicht eine wesentliche Verbesserung beim Thema Bildungsgerechtigkeit.